19.08.2023 12:00
Mehr als eine Hand für Afrika
Agnes Benz, Gründerin des Vereins «Hand für Afrika», blickt stolz auf das Erreichte zurück
Der Verein «Hand für Afrika» ist eine gemeinnützige Institution, welche es sich zur Aufgabe gemacht hat, den Ärmsten in Senegal zu helfen. Er setzt sich vor allem für Bildung, Ernährung und Gesundheit ein. An der Hauptversammlung vom 19. August feiert der Verein mit Gästen aus Senegal sein 20-jähriges Bestehen.
Entwicklungshilfe Vor 23 Jahren lernten Agnes und Kurt Benz per Zufall den senegalesischen Priester Abbé Ambrosius Tine kennen. Der damalige Direktor der diözesanen Schulverwaltung des Bistums in Thiès im Senegal erzählte dem Ehepaar von seiner Arbeit und was es heisst, in Armut zu leben und sie täglich anzunehmen. «Das Gespräch hat unsere Herzen bewegt und uns war schnell klar, hier darf man nicht wegschauen, hier muss man helfen», erinnert sich die Gründerin des Vereins. «Als Familie haben wir im Dezember 2002 den Verein 'Hand für Afrika' gegründet.»
Hände, die was bewegen
Um die Inspiration des Geistes und des Herzens tatkräftig umzusetzen, brauche es Hände. «Unsere Hände, die etwas von der Kraft des Herzens bewegen und bewirken», konkretisiert Benz. «Was unsere Hände weiterschenken in die Hand des Nächsten wird einen bleibenden Wert haben.» Trotz der Notwendigkeit zu handeln und der Freude, die Ideen umzusetzen, hätten sie zu Beginn fast zögerlich, fast ängstlich agiert. «Entwicklungshilfe war für mich damals ein Fremdwort», offenbart die 75-Jährige. Erst auf mehrmalige Einladung des Priesters habe sie im November 2002 den Schritt gewagt und den Senegal zum ersten Mal besucht. Noch heute schwärmt die Riethüslerin von der Herzlichkeit und Lebensfreude, die ihr entgegengebracht wurden – und die sie seither jedes Jahr von Neuem überwältigten.
19 Schulen in 20 Jahren
Familie Benz liess ihren Worten Taten folgen, und noch im Gründungsjahr nahmen sie ihr erstes Projekt in Angriff. Es galt, Abbé Ambrosius Tine zu unterstützen, die marode Schule von Bambey neu zu bauen. Obwohl sich Ambrosius über die angekündigte Unterstützung gefreut habe, hätte er sie in keiner Weise unter Druck gesetzt und Hilfe verlangt. «Die Freude und die Begeisterung für das Projekt hatten mich aber bereits im Griff», verkündet Benz, weshalb sie und ihr Mann ein Gesuch vorbereitet und Spendengelder gesammelt hätten. Innert Kürze hatten sie die benötigten 100'000 Franken beisammen und bereits im Mai 2004 wurde die neue Schule eingeweiht. Es sollte nicht die letzte sein – denn 20 Jahre später hat «Hand für Afrika» in verschiedenen Gemeinden 19 kleinere und grössere Schulen gebaut. Aktuell entsteht wiederum in Bambey das grösste Schulprojekt: Zwölf Klassenzimmer werden renoviert und sechs neu dazu gebaut. Darüber hinaus entstehen ein Administrativgebäude, eine Bibliothek und eine Kantine, ebenso wie die dazu gehörenden Toilettenblöcke und eine grosse Sportanlage. «Das Projekt sollte bis Ende 2024 fertiggestellt sein», informiert Benz.
Abwanderung gestoppt
2009 habe der Verein ein grosses Landwirtschaftsprojekt mit Gemüseanbau lanciert. «17 jungen Menschen wurde die Chance auf ein würdevolleres und besseres Leben geboten, indem Priester Ambroise sie aus dem Elend von Dakar herausholte», erinnert sich die Vereinsgründerin. Auf zwei grossen Feldern in der Region Fatik wurden Gemüsebeete angelegt, welche die Jugendlichen unter der Aufsicht eines ausgebildeten Agronomen der CARITAS beackerten. Der Verein habe die Werkzeuge und das Saatgut bereitgestellt. Es habe nicht lange gedauert, bis der Platz zu knapp wurde und die Felder erweitert werden mussten. «Heute arbeiten mehr als 100 Personen auf den Feldern und verdienen so ihren Lebensunterhalt», freut sich Benz. «Viele Familien haben sich sichtbar aus der Armut befreit, können das Schulgeld für ihre Kinder bezahlen, wodurch die Abwanderung der jungen Generation gestoppt wurde.» Das Landwirtschaftsprojekt wurde zwischenzeitlich um eine Vieh- und Schweinezucht erweitert und dank der drei angeschafften Getreidemühlen hätten die Frauen mehr Zeit für ihre Kinder und Familien.
Wie Brüder und Schwestern
Bei aller Hilfe, die geleistet werde, sei es zentral, auf die Würde der Menschen zu achten. «Wenn wir mit unseren Freunden gemeinsame Wege begehen, dann begegnen wir uns auf Augenhöhe», erklärt Benz. «Wenn wir zusammenarbeiten und am gleichen Tisch sitzen, sind wir wie Brüder und Schwestern.» Die Projektarbeit sei eine ehrenvolle Aufgabe, die auch mit dem Herzen stattfinden müsse. Starkes Engagement, Gerechtigkeit, Solidarität mit den Schwachen und die Liebe zum Nächsten sei das, was die Welt heute brauche. «Wir blicken zufrieden auf 20 Jahre zurück, in denen wir viel erreicht haben», sagt die St.Gallerin. Es sei eine prägende und intensive Zeit gewesen, die viel abverlangt, aber einen auch reicht beschenkt habe. Schliesslich sei es eine schöne und erfüllende Aufgabe, für Menschen, die einen brauchen, da zu sein. Ihr Herz schmerze, wenn sie Kinder sehe, die in grösster Armut leben und deshalb keine Chance auf Bildung hätten. «Armut darf kein Grund sein, der Schule fernzubleiben», sagt Benz.
Kampf gegen die Folgen des Klimawandels
Der Klimawandel sei auch in Afrika allgegenwärtig. Wegen des steigenden Meeresspiegels werden die Felder in der Regenzeit regelmässig mit Salzwasser geflutet, was zu Ernteausfällen führt. Um diesem Umstand entgegenzuwirken, wurde in Godele innerhalb von sechs Monaten ein Damm errichtet. Davon hätten im Tal Kiothok rund 100 Dörfer profitiert. Umgekehrt verschwinden wegen des Klimawandels immer mehr Büsche. Und weil es in den Dörfern von Godele keine Toiletten hat, sei die Bevölkerung darauf angewiesen, ihr Geschäft hinter den Büschen zu verrichten. Gerade um Frauen und Kinder vor dieser Demütigung zu schützen, habe der Verein versprochen, Abhilfe zu schaffen und in der Region 60 Trockentoiletten mit Waschraum zu installieren. Der Dorfälteste habe ihr gedankt und ihr anvertraut, dass die Sanitäranlagen das schönste Geschenk in seinem Leben seien. «Auch wenn viele Projekte nur ein Tröpfchen auf den heissen Stein sind, so stecken wir Herzblut, Liebe und Wertschätzung hinein», so Benz.
Mit Stolz zurückblicken
In den vergangenen 20 Jahren hat «Hand für Afrika» mehrere Schulen und Wasserspeicher gebaut, hat 34 Container mit Möbeln, Haushaltsartikeln und Kleidern verschifft und Landwirtschaftsprojekte aufgegleist. Die Kraft und Energie dafür schöpft Benz aus dem Glauben an Gott und an das Gute im Menschen. «Dass unser Verein das 20-Jahre-Jubiläum feiern darf, freut mich ganz besonders, und wir alle dürfen mit einem gewissen Stolz auf das Erreichte zurückblicken», resümiert die Gründerin. Und obwohl der Verein gut aufgestellt sei, wünscht sie sich, dass er noch lange bestehen bleibt und mit einem starken Engagement Mitglieder und Sponsoren gewinnen wird. «Schliesslich ist Hilfe zur Selbsthilfe etwas sehr Schönes, das wir diesen Menschen bringen können», erklärt die 75-Jährige, «damit trauen wir ihnen etwas zu, schenken Selbstwertgefühl und bauen Vertrauen auf.» Es sei wichtig, präsent zu bleiben und den Ärmsten die Hand zu reichen. Der einzelne Mensch sei genauso wichtig wie das grosse Projekt. Den Schmerz und die Freude teilen, ein gutes Wort, eine Umarmung oder die spontane Hilfe in der Not bewege die Herzen. «Ich habe viel von den Armen gelernt», offenbart Benz, «bei ihnen zu sein, ist ein Geschenk.»
Höchste Auszeichnung erhalten
Für ihr grosses Engagement wurde ihr 2014 von der Stadt Thiès das Ehrenbürgerrecht verliehen. 2018 erhielt Benz von der Agrarministerin den Orden Chevalier National du Lion, die höchste Auszeichnung, die der Senegal vergibt. «Diesen Verdienst und die damit verbundene Freude teile ich mit dem Vorstand und mit allen Mitgliedern und Freunden des Vereins», sagt Benz, «denn ohne sie alle wäre die Arbeit niemals zu schaffen gewesen.» Als sie im Jahr 2000 dem Priester Ambroise Tine die Türe öffnete, habe sie nicht gewusst, was dieser Besuch für sie bedeuten würde. Wenn man aber bereit sei, das Schicksal anzunehmen, sich einzusetzen und etwas zu machen, könne es zu einem Geschenk werden. «Ich habe viel gelernt, mein Leben hat sich verändert und ist bereichert worden, indem mir viel geschenkt wurde, das man mit Geld nicht kaufen kann», resümiert Benz.
HV mit Jubiläumsfeier
Heute Samstag, 19. August, 17 Uhr, findet im Katholischen Pfarreizentrum Stofelweid 1b in Teufen die HV des Vereins statt. Bischof André Gueye, Abbé Ambroise Tine, Abbé Pierre Aye Ndione und Generalvikar Abbé Albert Sene aus Senegal werden dabei zu Gast sein. Morgen Sonntag, 20. August, 10 Uhr, findet zu Ehren des 20-jährigen Jubiläums ein Fest- und Dankgottesdienst mit Bischof Markus Büchel in der Katholischen Kirche Teufen statt.
Von Benjamin Schmid