Der Schwimmkanal in Horgen - hier begleitet Roy Hinnen Menschen mit Wasserangst dabei Schritt für Schritt Vertrauen zum Wasser aufzubauen. z.V.g.
29.10.2026 15:40
Ein Schwimmkanal statt Hallenbad
An der Zugerstrasse 231 in Horgen gibt es keine Kasse, kein Drehkreuz und keinen Bademeister. Trotzdem steigen hier seit 2016 Triathleten, ambitionierte Hobbyschwimmer und Menschen mit Angst vor dem Wasser ins Becken.
Der Schwimmkanal Horgen misst rund 8 mal 2,5 Meter. Eine laminare Strömung schiebt das Wasser dem Schwimmer entgegen, der deshalb auf der Stelle krault, ähnlich wie ein Läufer auf dem Laufband. Betreiber Roy Hinnen war früher Profi-Triathlet, hat zwei Bücher geschrieben und die FlussPool GmbH gegründet. Bahnen vermietet er nicht. Er verkauft ausschliesslich Einzelcoachings nach Termin, laut eigener Aussage rund 2'500 in zehn Jahren. Wir haben mit Roy Hinnen über seinen Weg vom Spitzensport zum Unternehmer gesprochen, über sein Leben ausserhalb des Beckens und über die Frage, ob ein so kleines Becken wirtschaftlich mit einem Hallenbad mithalten kann.
Herr Hinnen, bevor wir über Ihr Geschäft sprechen: Wer ist eigentlich der Mensch hinter dem Schwimmkanal?
Roy Hinnen: Ich bin wohl jemand, der Dinge sehr lange und sehr konsequent macht. Das sieht man schon an der Ernährung. Ich habe mich von 1974 bis 2012 vegetarisch ernährt, seit 2012 lebe ich vegan, und seit 2025 ernähre ich mich zusätzlich ketogen beziehungsweise Low-Carb. Ich lebe mit meiner Partnerin im Kanton Nidwalden. Mein Sohn lebt bei seiner Mutter in Moskau. Beruflich bin ich in den Kantonen Schwyz und Zürich als Unternehmer und Longevity Coach tätig. Privat arbeite ich als Steinmetz, und ich praktiziere den Zen-Buddhismus. Das klingt nach vielen Baustellen, für mich gehört es aber zusammen.
Steinmetz und Schwimmcoach: harter Stein auf der einen Seite, Wasser auf der anderen. Wo sehen Sie da den Zusammenhang?
Beides bestraft Ungeduld sofort. Wer am Stein zu fest zuschlägt, verliert die Form. Wer im Kanal gegen das Wasser ankämpft, kommt nicht vorwärts, er bleibt einfach stehen. Zen lehrt mich dasselbe, nämlich präsent zu sein, nichts zu erzwingen und genau hinzuschauen. Diese Haltung nehme ich in jedes Coaching mit. Ich habe in der Stunde nur eine Person vor mir, und der gehört meine ganze Aufmerksamkeit.
Ihre Geschichte beginnt im Spitzensport. Sie sind mit 18 Jahren in die USA gegangen. Warum?
Weil ich sehen wollte, wie die Besten trainieren, und zwar nicht in Büchern, sondern direkt neben ihnen. In den USA konnte ich mit Dave Scott und Mark Allen trainieren. Das hat meinen Blick auf Ausdauersport grundlegend geprägt. 1989 bin ich meinen ersten Ironman auf Hawaii gelaufen, 1991 habe ich über die Langdistanz meine Bestzeit von 8:35 Stunden aufgestellt. Ich wurde fünfmal Schweizer Meister. Am meisten mitgenommen habe ich aber nicht die Titel, sondern die Erkenntnis, dass Leistung aus Details entsteht und nicht aus blossem Fleiss.
Nach der aktiven Karriere sind Sie Unternehmer geworden. Wie kam es dazu?
Ganz natürlich, aus dem Sport heraus. Zuerst habe ich die tridome GmbH gegründet und darüber eine eigene Neoprenmarke und Triathlonvelos verkauft. Später kam die FlussPool GmbH dazu, mit der wir Gegenstrompools für zuhause bauen. Athleten coache ich seit 2002. Dazu habe ich zwei Bücher geschrieben, «TRIATHLON TOTAL» und «100 % Triathlon». Heute führe ich drei Unternehmen. Der Schwimmkanal ist wahrscheinlich das sichtbarste davon, weil die Leute dort physisch hinkommen.
Wie ist die Idee für einen eigenen Schwimmkanal entstanden?
Es kam dazu, weil ich als Triathlet und Coach ständig Wasserfläche suchte und auf die öffentlichen Hallenbäder in meiner Gegend wie Cham, Baar oder Adliswil angewiesen war. Eines Tages bezahlte ich den normalen Eintritt für mich und meine Coaching-Athleten und wurde dann regelrecht vor die Tür gestellt mit der Anweisung: Hier darf man nicht coachen. Das hat mich sehr genervt. Da habe ich mir überlegt: Dann kaufe ich mir halt mein eigenes Wasser. Ich habe zur Firma TZ Leipzig Kontakt aufgenommen, die ich noch aus der Profikarriere kannte, und gesagt: Baut mir einen Kanal – keine herkömmliche Gegenstromanlage, sondern einen Flume, einen Strömungskanal, in dem ich meine Tätigkeit umsetzen kann. Meine damalige Partnerin sagte: "Mit diesem Geld können wir uns ein Einfamilienhaus kaufen." Und ich sagte: "It’s too early to retire."
Auf Ihrer Website ist von «deinem privaten Schwimmbad» die Rede. Ist der Schwimmkanal ein Bad?
Nein, eigentlich nicht. Er ist eher ein Trainingsstudio. Für den Kunden fühlt es sich aber an wie ein privates Bad, und darum geht es. Es gibt keinen öffentlichen Betrieb, keine Zuschauer, niemanden auf der Nebenbahn. Für diese Zeit gehört das Wasser einer einzigen Person. Für viele ist genau diese Diskretion der Grund zu kommen. Wer Angst im Wasser hat, möchte das nicht vor dreissig Fremden üben. Wer leistungsorientiert trainiert, will keine Wende nach 25 Metern, sondern gleichmässige Stömung.
Was passiert in einer Session konkret?
Die Strömung gibt sofort Rückmeldung. Setzt jemand eine Korrektur richtig um, spürt er einen kleinen Ruck und gleitet nach vorne. Im stillen Wasser gibt es dieses Gefühl nicht. Vier HD-Kameras filmen aus verschiedenen Perspektiven. Ich bespreche die Aufnahmen, spreche einen Kommentar darüber und zeichne direkt im Video ein. Danach findet jeder Kunde seine Videos chronologisch in seiner persönlichen Online-Bibliothek. Die meisten Menschen haben ein falsches Bild davon, wie sie schwimmen. Das Video startet eine Diskussion, die vorher nicht stattfand.
Sie sagen offen, dass Sie keinen klassischen Schwimmlehrerschein haben. Ist das für Kunden kein Problem?
Bisher nicht. Meine Methode heisst Smart Swim, und ich habe sie über die Jahre mit meinen Athleten in der Praxis entwickelt, nicht aus einem Lehrbuch. Sie richtet sich danach, was ein Körper tatsächlich kann und wie viel Zeit jemand zum Trainieren hat. Ein Berufstätiger mit drei Trainingseinheiten pro Woche braucht eine andere Technik als ein Profi, der jeden Tag im Wasser ist.
Wer sind Ihre Kunden?
Den festen Kern bilden Anfänger Schwimmer, Neueinsteiger, Triathletinnen und Triathleten und Leistungsschwimmer. Einige bringen mehrere Neoprenanzüge mit und testen sie in der Strömung nacheinander. Dafür gibt es eine eigene 60-Minuten-Session mit sechs Videoanalysen. Einsteigern empfehle ich zuerst 40 Minuten, danach weiss ich, wie schnell jemand Inputs umsetzt und wie es weitergehen sollte. Für Menschen, die nicht schwimmen können oder Angst vor dem Wasser haben, gibt es ein separates Paket, bei dem wir sehr behutsam vorgehen. Kinder nehme ich ab etwa neun Jahren, weil sie ab diesem Alter technische Anweisungen in der Strömung gut umsetzen können.
Reden wir über Zahlen. Wie ausgelastet ist ein solches Nischenstudio?
In zehn Jahren habe ich rund 2'500 One-to-One-Coachings gegeben. Das sind im Schnitt etwa 250 Einzelstunden pro Jahr, Plus seit neuen Arbeiten auch noch andre Coaches hier und wir suchen noch mehr Coaches. Für ein Hallenbad wäre das ein ruhiger Vormittag. Für mich ist es genau richtig, denn jede dieser Stunden gebe ich selbst und vor Ort, in der Regel samstags. Masse ist nicht mein Modell, und ich will das auch nicht beliebig vervielfachen.
Kann ein Becken von 8 mal 2,5 Metern wirtschaftlich mit einem klassischen Hallenbad mithalten?
Ich halte die Frage für falsch gestellt. Ein Hallenbad verkauft Wasserfläche an möglichst viele Menschen gleichzeitig. Ich verkaufe Zeit und Aufmerksamkeit an eine einzige Person. Das ist ungefähr so, als würde man fragen, ob ein Massschneider mit einem Warenhaus konkurrieren kann. Beide verkaufen Hosen, sonst haben sie wenig gemeinsam. Mein Becken muss nicht hunderte Besucher am Tag tragen. Es muss in jeder Stunde einen klaren Mehrwert liefern, den man woanders nicht bekommt.
Welche Rolle spielen Exklusivität und persönliche Betreuung im Preismodell?
Die wichtigste. Der Kunde bezahlt nicht für Wasser, sondern dafür, dass jemand mit über dreissig Jahren Erfahrung im Ausdauersport nur ihn anschaut. Dazu kommen Dinge, die man nicht sofort sieht. Es gibt drei eigene Parkplätze direkt am Kanal, einer davon mit Elektroladestation. Das Wasser hat konstant 28 Grad, es gibt Duschen und WLAN. Wer kommt, soll sich um nichts kümmern müssen ausser um seine Technik. Diese Ruhe gehört zum Produkt.
Wie gewinnen Sie neue Kunden, ohne auf klassische Werbung zu setzen?
Vor allem über Empfehlungen. Dazu kommt ein kleiner Kniff: Begleitpersonen dürfen filmen und die Clips auf Instagram teilen. Erreicht ein Post 50 Likes, erstatten wir 20 Franken zurück. Das ist Mundpropaganda mit eingebautem Anreiz. Ausserdem schreibe ich regelmässig im Blog über Schwimmtechnik, Training und Mentales. Wer mich findet, weiss meistens schon ziemlich genau, worauf er sich einlässt.
Am selben Standort befindet sich auch der Showroom der FlussPool GmbH. Ist das Zufall?
Nein, das ist Absicht. Wer überlegt, sich einen Gegenstrompool nach Hause zu bauen, kann die Strömung bei uns zuerst am eigenen Körper ausprobieren. Ein Raum also, zwei Geschäftsmodelle, die sich gegenseitig stützen. Das Coaching zeigt, was eine gute Strömung kann, und FlussPool bringt sie zu den Leuten nach Hause.
Ein Geschäft, das so stark an eine Person gebunden ist, wächst nicht von allein. Ist das nicht ein Risiko?
Doch, natürlich. Fällt der Coach aus, fehlt ein Coach, ich arbeite nun sehr am Skalieren, meine Letze Herausforderung. Der Schwimmkanal ist kein Franchise, er ist meine Werkstatt. Ich möchte lieber etwas Kleines sehr gut machen als etwas Grosses mittelmässig.
Sie arbeiten auch als Longevity Coach. Wie hängt das mit dem Schwimmkanal zusammen?
Enger, als man denkt. Bei Longevity geht es darum, möglichst lange leistungsfähig und beweglich zu bleiben. Schwimmen im Kanal schont die Gelenke und lässt sich präzise dosieren, ohne Wenden und ohne Hektik. Viele meiner Kunden sind längst nicht mehr zwanzig und wollen trotzdem besser werden. Dass sich jemand mit Mitte fünfzig noch technisch verbessert, ist für mich einer der schönsten Momente in diesem Beruf.
Was raten Sie jemandem, der seine Schwimmtechnik verbessern möchte, aber nicht weiss, wo er anfangen soll?
Sich zuerst selbst ehrlich anzuschauen, am besten auf Video. Die Eigenwahrnehmung im Wasser täuscht fast immer. Dann sollte man nicht zehn Dinge auf einmal ändern, sondern eines nach dem anderen. Und man sollte geduldig sein. Wasser lässt sich nicht zwingen, es belohnt dich, wenn du aufhörst, gegen es zu kämpfen.
Letzte Frage: Schwimmen Sie selbst noch im Kanal?
Natürlich. Am besten denke ich, wenn ich nicht vom Fleck komme. Das klingt nach Zen, beschreibt aber ziemlich genau, wie dieses Unternehmen funktioniert. Von aussen sieht es nach Stillstand aus, und trotzdem ist ständig alles in Bewegung.
Vielen Dank für das Gespräch, Herr Hinnen.