Zwinglis politische Pläne für St. Gallen
Von Franz Welte Vor 500 Jahren verfocht Huldrych Zwingli seine Pläne für St. Gallen: die Auflösung des Klosters nach dem Tod von Abt Franz Geissberg.
Von Franz Welte Vor 500 Jahren verfocht Huldrych Zwingli seine Pläne für St. Gallen: die Auflösung des Klosters nach dem Tod von Abt Franz Geissberg.
Reformation Zurecht gilt jedoch Vadian als der grosse St. Galler Reformator. Zwingli war aber ebenfalls stark an der Entwicklung in St. Gallen interessiert und bemühte sich insbesondere durch seine Briefe an Vadian, politischen Einfluss auf die Ereignisse in der Stadt und den äbtischen Gebieten zu nehmen. Dabei ging es ihm nicht allein um die Einführung der Reformation, sondern zunehmend auch um die politische Neuordnung der Herrschaftsverhältnisse rund um das Kloster St. Gallen.
Es begann damit, dass Zürich 1528 einen reformierten Predikanten nach Rorschach schickte. Es war Utz Eckstein, ein alter Kampfgefährte Zwinglis, der für die konsequente Umsetzung der Reformation am Bodensee sorgen sollte. Gleichzeitig traf der Zürcher Ratsherr Jakob Frei als neuer Schirmhauptmann in St. Gallen ein. Damit konnte Zürich seinen Einfluss auf die äbtischen Gebiete weiter vergrössern. Zwar war Frei nur in Glaubenssachen gegenüber dem Abt von seinen Pflichten entbunden. Grundsätzlich hatte er die Aufgabe, den Abt in seinen Rechten und Einnahmen zu schützen. Damit enttäuschte er zunächst alle jene, die sich von seinem Auftreten einen sofortigen
Umsturz der bisherigen Verhältnisse erhofft hatten.
Anfangs 1529, vor dem grossen St. Galler Bildersturm, bat Zwingli Vadian, die Sache, also die Reformation, stark voranzutreiben. Es solle sich aber niemand beklagen können, es sei etwas unbesonnen unternommen worden. Alle Taten müssten darauf hinwirken, dass sich kein neuer Abt erheben könne. Hinter dieser Aussage stand bereits die Idee, mit dem Ableben von Abt Franz Geissberg das Kloster einzunehmen und schliesslich zu schliessen.
In seinem «Plan zu einem Feldzug», dessen Entstehungszeitpunkt nicht bekannt ist, äusserte sich Zwingli erstmals ausführlicher über St. Gallen. Darin ist von einer Einnahme des Klosters St. Gallen die Rede. Damit wird deutlich, dass Zwingli die Entwicklung in St. Gallen nicht bloss als örtliche Angelegenheit betrachtete, sondern als Teil einer grösseren politischen Auseinandersetzung zwischen den reformierten und altgläubigen Kräften.
Zürcher Rückendeckung
Zürich ergriff Partei für alle Gemeinden, die sich mehrheitlich für den neuen Glauben entschieden hatten. Vadian erbat sich über Zwingli Rückendeckung durch die Limmat-stadt in ihrem Vorgehen gegen den Abt. Der Rat der Stadt St. Gallen wollte den Abt dazu zwingen, auch in seinem Münster den katholischen Gottesdienst abzuschaffen. Zwingli stimmte hernach dem Vorschlag des Rates zu, der noch bis zur nächsten Badener Tagsatzung warten wollte, um dort die Zustimmung Berns zum geplanten Vorgehen einzuholen.
Es bestand die Absicht, beim Ableben des Abtes die Neuwahl eines Nachfolgers zu verhindern. Frei erhielt den Auftrag, den gesamten klösterlichen Besitz zuhanden der vier Orte einzuziehen. Am 23. Februar kam es dann aber doch schon zum Bildersturm im Münster, nachdem sich Zürich nicht mehr vehement dagegen ausgesprochen hatte.
Die Klagen des Abtes und der altgläubigen Orte blieben wirkungslos. Der Kämmerer des Abtes verheimlichte dessen Tod noch einige Tage. Die meisten Mitglieder des Konventes konnten so nach Einsiedeln fliehen und versammelten sich später in Rapperswil, um dort Kilian German zum neuen Abt zu wählen. Damit wurden die Pläne Zwinglis zunächst über den Haufen geworfen. Von Zürich traf ein Haftbefehl gegen den neuen Abt ein. Gleichzeitig wurde die Rechtmässigkeit der Wahl bestritten.
Schon im April 1529 sah Zwinglis Plan vor, in der Alten Landschaft eine neue Ordnung einzuführen und möglichst ohne Waffengewalt das Kloster einzunehmen. Vorderhand drang Zwingli jedoch nur mit seinem Plan durch, den Gotteshausleuten Erleichterungen bei den Abgaben zu gewähren. Dabei kam ihm der Ausgang des Ersten Kappeler Krieges zu Hilfe.
Überstürzung der Ereignisse
Abt Kilian konnte sich noch im letzten Moment mit einer Flucht nach Meersburg der Gefangennahme
entziehen. Zwingli wirkte inzwischen an einem neuen Verfassungsentwurf für die früheren Untertanen des Abtes mit. Am 1. Januar 1530 nahmen die Gotteshausleute an der Landsgemeinde in Wil die 15 Artikel an.
Unerwartet ertrank am 30. August 1530 Abt Kilian bei der Überquerung der Bregenzer Ach. Drei Tage später bewilligte Zürich den Verkauf der Klostergebäulichkeiten an die Stadt St. Gallen. Damit schien das Schicksal der alten Abtei endgültig besiegelt. Doch auf Geheiss des Kaisers wurde ein neuer Abt gewählt: Diethelm Blarer von Wartensee.
Die Niederlage der Reformierten bei Kappel und der Tod Zwinglis brachten schliesslich die grosse Wendung. Unter grosser Feierlichkeit zog Abt Diethelm ins wiederhergestellte Kloster ein. Die Stadt St. Gallen blieb unter dem Einfluss des starken Vadian beim neuen Glauben, die Landschaft der Abtei hingegen hatte zum katholischen Glauben zurückzukehren. Damit wurde die religiöse Entwicklung in Stadt und Landschaft endgültig auseinandergerissen.
Zwinglis St. Galler Pläne zerschlugen sich damit, nachdem er noch kurz zuvor glauben konnte, ans Ziel gelangt zu sein. Vadian konnte die Reformation in der Stadt dauerhaft verankern, während die Abtei ihre Herrschaft über die Landschaft und damit auch ihren Einfluss in der Region weitgehend zurückgewann.
Für diesen Artikel wurden namentlich die Publikation «Zwinglis politische Pläne in der Ostschweiz» von Kurt Spillmann im Rorschacher
Neujahrsblatt 1962 sowie «Joachim Vadian – Humanist, Arzt, Reformator, Politiker» von Rudolf Gamper verwendet.
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