Zoff um Zwirn: Kinderfest polarisiert
Das St. Galler Kinderfestlied feiert die Stickereistadt: Zunächst standen Kadettenuniformen im Mittelpunkt, später das Stickereikleid als Symbol für St. Gallen.
Das St. Galler Kinderfestlied feiert die Stickereistadt: Zunächst standen Kadettenuniformen im Mittelpunkt, später das Stickereikleid als Symbol für St. Gallen.
Festgeschichte In den ersten Jahrzehnten des neuen Kinderfestes stand die weisse Farbe bei den Kleidern effektiv noch nicht im Vordergrund. Für Feste galt die dunkle Farbe als angemessen, bis nach dem Ersten Weltkrieg das Weiss zur absoluten Modefarbe wurde. Im Gegensatz zu den weiss gekleideten Knaben mit bunten Schärpen und den weissen Stickereikleidern der Mädchen blieben die Festbesucher bei dunkler Kleidung. Im weissen Umfeld kamen die Girlanden, Blumenkörbe und Blumenbogen bestens zur Geltung.
Hilfsangebote nach hohe Kosten
Es wurde aber schon recht früh die Frage aufgeworfen, ob denn die zu präsentierenden Stickereien einfach der Förderung der einheimischen Stickerei-Industrie dienen sollten. Von Eltern wurden auch die teuren Beschaffungskosten ins Feld geführt. Nachdem aber die Möglichkeit zum Eintausch oder Kauf von Kinderfeströcken an der Kleiderbörse, die auch zum Kauf preisgünstiger Stoffe geschaffen wurde, verstummte diese Kritik weitgehend. Die Buben durften bald T-Shirts und auch im Alltag verwendbare Jeans tragen. Doch noch 1971 klagte in der Zeitung eine Mutter, dass sie für ihre drei Kinder Kinderfest-Kleider von 170 Franken habe berappen müssen. Sie ärgerte sich auch, dass sie für ihren Knaben «kinderfestkonforme» Turnhosen kaufen musste, die in einem Warenhaus in ähnlicher Art nur einen Drittel kosteten.
Mit den Jahren erhielten die Farben vermehrt Einzug auch in die Bekleidungen. Schon vor dem Ersten Weltkrieg wurden die weissen «Sonntagsgwändli» der Knaben gegen kurze Sporthosen und weisse Hemden ausgewechselt. Im Rahmen der Modernisierung des Festzuges durch einen Ausschuss der Jugendfestkommission wurde 1927 beschlossen, dass die Buben der Unterstufen kurze beige, diejenigen der Oberstufe blaue Hosen zum weissen Schillerhemd tragen sollten. Armbrüste und Hellebarden fielen endlich weg.
Der kurze Streit um lange Ärmel
Im Jahre 1947 fand eine eigentliche Schlacht um kurze Ärmel statt. Vertreterinnen der Frauenkommissionen protestierten gegen die langen Ärmel der damaligen Bubenhemden. Die Ärmel seien zu unpraktisch für die Spiele auf der Festwiese und die nachfolgenden Schulferien. Sie verlangten öffentlich eine Revision der Vorschriften – zunächst ohne Erfolg. Erst 1959 wurde endlich kurz, was vorher lang war.
Das Jahr 1947 stand auch im Zeichen der Textilknappheit nach dem Zweiten Weltkrieg, sodass auch uralte Roben wieder hervorgeholt wurden. Wenn sie nach Stickerei aussahen, umso besser. In der Zeitung war zu lesen: «Es war bei Gott alles schön, manches mutete reichlich muffig und antik an, die nach Mottenkugeln riechenden Hüte strammer Arbeitslehrerinnen etwa . . .» Zwei Jahre später war es wieder ganz anders: «Was da nicht alles an feinen, sauberen, gediegenen und niemals aufdringlichen Roben unsere zartgliedrigen St. Gallerinnen umhüllte», stand da geschrieben. «Man sah es, dass unsere ureigenste Industrie wieder Zeit hatte, neben den täglichen Bedarf auch einen guten Geschmack zu befriedigen.»
Mehr Farbe auch für die Knaben
1968 hatten die Knaben nach langen Diskussionen gemäss neuer Vorschrift Hosen in verschiedenen Farben zu tragen, von der ersten bis zur dritten Klasse grüne mit roten Socken, von der vierten bis zur sechsten Klasse rote mit grünen Socken. Für alle blieb aber das weisse Hemd vorgeschrieben. Für Oberstufenknaben waren schwarze Sporthosen vorgeschrieben. Erstmals kamen damals Ballone zum Einsatz, welche für mehr Farben sorgten, aber auch das beschränkte Blumensortiment zu kaschieren hatten.
Lehrerinnen und Schülerinnen
der Oberstufe trugen in den 60er-Jahren vorwiegend das Etui-Kleid und in den 70er-Jahren den Folklore-Look. Der Zeitgeist drang auch bei den Roben durch, die legerer wurden. So präsentierten sich die Oberstufenschülerinnern 1986 erstmals in Leggins. Stickereien in traditionellem Weiss wurden zweitrangig, fehlten aber auch nicht am Jubiläum 200 Jahre St. Galler Kinderfest 2024 – nicht zuletzt durch die Unterstützung durch Stickerei-Unternehmen, die wertvolle Stoffe zur Verfügung stellen.
Weniger strenge Vorschriften
Obwohl die Kleidervorschriften heute weniger streng sind als früher, bieten sie immer noch Diskussionsstoff. Manchen ist der Umzug heute zu farbenfroh – kein weisser Festzug im Blütenmeer wie damals. Doch entgegen manchen Befürchtungen ist er nicht zu einem Fasnachtsumzug geworden, indem auf allzu Buntes bei den Kleidern und auf Verkleidungen verzichtet wird. Es blieb erfreulicherweise bei kosmetischen Korrekturen, so dass das Kinderfest im Ganzen gesehen noch immer das ist, was es früher war. Mit der Verschiebung durch den Stadtrat findet das nächste Fest erst 2028 statt.
Quellennachweis:
Die Angaben in diesem Bericht stammen im Wesentlichen aus «Schule+Elternhaus», Heft Nummer 10 1977, und aus dem Buch «’S isch, s’isch nöd» vom Textilmuseum 2015.)
Von Franz Welte
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