Elmar Hardegger
sieht beträchtliches Sparpotential bei EspelLiegenschaften.
Harald Desing.
Forschende der Empa St.Gallen wollen mit Hilfe eines neuen Versorgungsmodells die Energiewende vorantreiben. Ihr Vorschlag: die solare Grundversorgung. Sie soll soziale Gerechtigkeit fördern, fossile Energien ablösen und zusätzliche Investitionen in nachhaltige Technologien erleichtern.
Energiewende Forschende der Empa St.Gallen haben einen Vorschlag entwickelt, bei dem der Schweizer Bevölkerung künftig durch öffentliche Investitionen kostenlos Solarstrom zur Verfügung gestellt werden könnte. Beim Konzept der solaren Grundversorgung soll jede Person ein Solarstrombudget von rund 4’400 Kilowattstunden pro Jahr erhalten. Diese Energie würde genügen, um die Lücke zu schliessen, die durch den Verzicht auf fossile Energieträger entstehen würde. «Die Installation von Solaranlagen wird heute bereits subventioniert, was vor allem Immobilienbesitzenden zugutekommt. Und dennoch geht die Energiewende nicht schnell genug voran, um die Klimaziele zu erreichen. Im Modell der solaren Grundversorgung würden alle Menschen, unabhängig von Eigentum oder Kapital direkt profitieren und die Ausbauziele könnten viel schneller erreicht werden», sagt Harald Desing, einer der Forscher an der Empa St.Gallen, der das Modell mitentwickelt hat. Die Finanzierung soll aus öffentlicher Hand erfolgen. Die Idee: Was heute schon für Wasser, Bildung oder Strassen gilt, könnte auch für Strom gelten – als Bestandteil der Grundversorgung. Die Investitionskosten wären mit etwa 58 Milliarden Franken für eine Umsetzung in fünf Jahren hoch, aber tragbar, finden die Forschenden: Sie entsprechen rund ein Prozent des Bruttoinlandprodukts jährlich – vergleichbar mit den heutigen Ausgaben für Strassen. Bereits sechs bis sieben Jahre nach der Inbetriebnahme könnten sich diese Ausgaben für die Gesellschaft als Ganzes amortisieren, wenn der Import fossiler Brennstoffe entfällt, so die Überlegung.
Ein zentraler Punkt des Modells: Der kostenlose Strom stünde nur dann zur Verfügung, wenn die Sonne scheint. Auf öffentliche Stromspeicher verzichtet das Konzept bewusst – sowohl aus Kostengründen als auch, um ein Umdenken im Verbrauchsverhalten zu fördern. Die Forschenden sprechen von einer «Sonnenblumengesellschaft», die ihren Energieverbrauch dem natürlichen Sonnenzyklus anpasst. Wer dennoch Strom in den Abend- oder Nachtstunden nutzen will, muss dafür bezahlen – ein Anreiz, bewusst und effizient mit Energie umzugehen. «Die kostenlose Verfügbarkeit zur Sonnenzeit soll nicht zur Verschwendung führen», so Desing. Durch diese Struktur werde auch ein Markt für ergänzende Speicherlösungen, Wärmepumpen oder weitere erneuerbare Technologien stimuliert – ohne dass diese Teil der staatlichen Grundversorgung sein müssten. Technisch liesse sich das Modell vergleichsweise einfach realisieren. Laut den Berechnungen der Empa würde es genügen, rund ein Drittel aller Dächer in der Schweiz mit Photovoltaik-Anlagen auszustatten. «Etwa zehn Prozent der gesamten Dachfläche in der Schweiz gehört zu öffentlichen Gebäuden. Damit könnten wir bereits ein Drittel der solaren Grundversorgung abdecken», so Desing. Auch anderweitig bebaute Flächen wie Parkplätze, Lärmschutzwände oder Verkehrswege könnten genutzt werden. Wichtig ist den Forschenden, dass keine neuen Flächen versiegelt werden. Ein besonderer Fokus liegt auf der sozialen Komponente: Personen, die heute keine Solaranlagen installieren können, werden in die Energiewende eingebunden. Und wer wenig Energie verbraucht, profitiert besonders, da überschüssiger Strom verkauft werden könnte. Zu den Sonnenstunden würde dann der Strompreis sinken. Ein Anreiz für die Industrie energieintensive Prozesse danach auszurichten. Damit unterscheidet sich die solare Grundversorgung deutlich von bisherigen Förderinstrumenten, die vor allem auf privates Kapital angewiesen sind.
Die Umsetzung innerhalb von fünf Jahren wäre ambitioniert, aber laut Empa machbar. Etwa 50'000 Fachkräfte würden für den Aufbau benötigt, so die Schätzung. Dabei müsste nur ein kleiner Teil davon über eine fundierte technische Ausbildung verfügen. Der Grossteil der Montagearbeiten könne in wenigen Wochen erlernt werden – etwa in sogenannten «Solarcamps». Ein freiwilliges solares Jahr sei denkbar, bei dem junge Menschen sich aktiv am Umbau der Energieversorgung beteiligen und die erlernten Fähigkeiten in andere Berufsbereiche mitnehmen können. Neben dem gesellschaftlichen Nutzen würden grosse Teile der Investition in der Schweiz verbleiben – im Gegensatz zu fossilen Energieträgern, durch deren Kauf Kapital ins Ausland abfliesst. Bei den Materialien sehen die Forschenden ebenfalls keine unüberwindbaren Hürden. Der Hauptbestandteil der Solarzellen, Silizium, sei in der Erdkruste reichlich vorhanden. Kritischer sind Silber, Zinn und Aluminium, deren Bedarf durch technologische Optimierung reduziert werden könne. Desing verweist zudem darauf, dass mehr Silberbesteck in privaten Haushalten liegt, als weltweit für die Umsetzung des Modells nötig wäre. Langfristig könnte auch die europäische Produktion von Solarpanels gestärkt werden, um Abhängigkeiten zu reduzieren. «Das Konzept der solaren Grundversorgung ist ein erster, flexibler Vorschlag. Die konkrete Umsetzung müsste demokratisch verhandelt werden – lokal, kantonal oder national. Wichtig ist jedoch, dass das Modell mit einem klaren Verzicht auf fossile Energien einhergeht. Nur dann kann es seine volle Wirkung entfalten», so Desing.
Selim Jung
Lade Fotos..