Brücken-Anekdoten aus alter Zeit
St. Gallen ist eine Brückenstadt, weil die Stadt im Westen nur über Brücken erreichbar ist. Grund ist das tiefe Sitter-Tobel im Westen der Gallusstadt.
Die von der Bodensee-Toggenburg-Bahn (BT), heute Südostbahn (SOB), erstellte Sitterbrücke (1907/10). Bild: pd
St. Gallen ist eine Brückenstadt, weil die Stadt im Westen nur über Brücken erreichbar ist. Grund ist das tiefe Sitter-Tobel im Westen der Gallusstadt.
Baugeschichte Die Brücke der BT, heute SOB, ist mit ihren 98 Metern die höchste Eisenbahnbrücke der Schweiz. Im Westen galt es namentlich die Goldach zu überbrücken, innerhalb der Stadt die Steinach. Da muss man sich nicht wundern, dass um die St. Galler Brücken Anekdoten ranken.
Die gedeckte Holzbrücke über die die Urnäsch ist der letzte Brückenbau des berühmten Zimmermeisters Hans Ulrich Grubenmann (1709 bis 1783) aus Teufen. Eine einseitig angebrachte Bank ermöglicht es dem müden Wanderer, sich im tiefen Tobel auszuruhen. Wegen der auf die oberen Querbalken angebrachten Inschriften wird sie auch «Sprechende Brücke» genannt. Es wird auch informiert, weshalb das noch heute sehr gut erhaltene Bauwerk 1780 entstand: «Anno 1778 Durch ein unerdencklichen Wasserguss, Nimt es 6 deckte Brugenan deissem Nemlichen fluss. Auch damit 3 Wuhr alle weg und aller samtliche Steg, vom urnäscher Berg und thall bissie Här kein Weg.»
Zur Eröffnung der Sitterbrücke Haggen-Stein versammelte sich 1937 eine fröhlich gestimmte Menschenmenge. Rund 5000 Personen passierten mit hundert Meter eine der höchsten Fussgängerstege Europas. Doch es machten sich unangenehme Schwankungen bemerkbar, was auch für Ängste sorgen. So verlief das Einweihungsfest nicht ganz wie angedacht. Und die Brücke bekam den Übernamen «Ganggelibrugg». Doch die Tragsicherheit war trotz der Schwankungen gegeben. Die horizontale Steifigkeit der aus finanziellen Gründen sehr sparsam konturierten Brücke wurde nach einigen Jahren verstärkt. Doch noch immer machten sich Bewegungen bemerkbar, die erst mit dem neuesten Umbau von 2009/10 beseitigt wurden.
Beim Bau der Sitterbrücke Haggen-Stein kam es 1937 zu einem Sturz eines Maurerlehrlings 36 Meter in die Tiefe. Eine Tanne mit ihren breiten Ästen bewirkte, dass Ernst Buob aus Rorschach heil unten ankam. Als die Arbeiter mit einer Tragbahre herbeiliefen, um den Toten aufzuheben, kam ihnen Buob unverletzt entgegen. Vier Monate später soll er wieder von einem Hausgerüst gefallen sein – ohne Schaden.
Während den französischen Revolutionswirren zogen 1799 immer wieder Truppen über die sogenannte «Beda-Brücke» einer von Abt Beda Angehrn erbaute gedeckte Holz-brücke bei Kräzeren, was dieser arg zusetzte. Sie setzte sich einseitig und die Tragkraft wurde beeinträchtigt. Das niedere Dach verhinderte die Durchfahrt mit hohen Lasten. So waren die Fuhrleute häufig gezwungen, die Räder wegzunehmen und den Wagen auf den Achsen über die Brücke zu schleifen.
Zwischen dem Fürstabt und der Stadt St. Gallen gab es immer wieder Streitereien wegen des Unterhalts und Kosten der Brücken in den Kräzern. 1549 mussten sogar Schiedsleute aus sechs Orten der Alten Eidgenossenschaft einen Vertrag aushandeln, den beide Parteien akzeptieren konnten. Es handelte sich dabei um die drei damaligen Übergänge, eine gedeckte Holzbrücke bei Kräzern, eine steinerne Brücke bei Oberkräzern und ein privater Steg zu einer Mühle.
1811 weihte der junge Kanton die neue Kräzern-Brücke ein. Sie hatte fünfmal mehr als veranschlagt gekostet, doch politische Opposition gab es deshalb nicht, denn die Rechnung erschien damals in keiner Staatsrechnung. Anlässlich der Einweihung fuhr die Regierung in vierspännigen Kutschen über das für damalige Verhältnisse imposante Bauwerk, gefolgt von Gesandten und Beamten. Während des Festaktes donnerten Geschütze und an den Brückenköpfen spielten Feldkapellen auf. Ein Bürger hatte tausend Franken offeriert, wenn er als erster über die Brücke fahren dürfe, was aber abgelehnt worden war. Am folgenden Morgen zierte eine Tafel die Brücke, auf der zu lesen war: «Wanderer, nun darfst du’s ruhig wagen, sie hat des Landes grösste Last getragen.»
Grosses Aufsehen erregte der Bau der ersten Eisenbahnbrücke über die Sitter in den Jahren 1853/56 für die Bahnlinie Wil-St. Gallen. Die Eisenbahngesellschaft fällte den kühnen Entscheid, eine eiserne Gitterkonstruktion zu erstellen. Die Materialbeschaffung bot grosse Schwierigkeiten. Mögliche Lieferanten misstrauten dem Projekt und hielten sich zurück. Nur mit Mühe gelang es Ingenieur Gaspard Dollfus aus Mühlhausen, mit Hilfe eines Freundes in Köln alle Metalle aufzutreiben. Erstmals auf dem europäischen Kontinent wurden die Pfeiler nicht aus Steinen, sondern aus gusseisernen Elementen aufgebaut. Zur Einweihungsfeier am Ostermontag 1856 erschien auch der Fürst von Sigmaringen mit dem englischen und dem deutschen Thronfolger. Die mit einem Extrazug Angereisten liessen sich von Bahndirektor und Architekt Bernhard Simon die neuartige Konstruktion erklären und äusserten sich begeistert. In Betrieb blieb diese Pionier-Brücke bis 1925 trotz immer schwereren Zügen.
Bei der Erstellung der neuen Sitter-Strassenbrücke 1936, die als Notstandsarbeit erstellt wurde, war die Benennung ein Zankapfel. Zur Diskussion standen unter anderem Bruggenbrücke, Obere Kräzernbrücke und Bundesrat Kobelt-Brücke. Der verdiente Tierarzt Dr. Bernhard Kobler konnte die Auseinandersetzung mit seinem Vorschlag «Fürstenlandbrücke» beenden. Nie gab es einen Vorstoss, sie umzutaufen. Bundesrat Kobelt aus St. Gallen, der geistige Urheber des grossen Brückenschlags, war nicht böse, dass das mächtige Bauwerk nicht seinen Namen erhielt, und prägte an der Einweihungsfeier die Worte «Hindernisse überwinden, Gegensätze überbrücken.»
Unweit der imposanten Nationalstrassen-Brücke befindet sich neben der «Ganggelibrugg» zwischen Bruggen und Stein eine weitere Brücke dieses Namens im Volksmund, der diesen wirklich verdient – der Hängesteg im Rechen.
Eine mittelalterliche Vorgänger-Brücke der heutigen imposanten Martinsbrücke über die Goldach war sehr schmal und auch sehr gefährlich. So stürzte eine für das Kloster bestimmte Ladung Südtiroler Weine – ein Geschenk des Konstanzer Bischofs Ulrich – samt Zugochsen in die Tiefe.
Da nicht der geringste Schaden entstand, betrachteten es die Mönche als eine göttliche Fügung, Nachdem die Fuhre mit grosser Mühe aus dem tiefen Abgrund geborgen war, brachte eine feierliche Prozession die gerettete Gabe ins Kloster. Erst als der Kanton 1968 eine moderne Betonkonstruktion schuf, verlor der Übergang seine Gefährlichkeit.
Franz Welte
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